Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit – ein ungleiches Paar?

Ein Essay von Teresa Ruebel

Auf den ersten Blick haben die Klimafrage und die soziale Frage wenig miteinander zu tun. Umweltaktivist*innen geht es darum „leblose“ Dinge wie Meere und Wälder, höchstens noch aussterbende Tierarten zu schützen, während sozialpolitische Maßnahmen darauf abzielen, die Lebenssituation für Menschen und Menschengruppen zu verbessern, ihnen gleiche Bildungschancen zu gewährleisten oder die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen. Tatsächlich aber finden sich schnell Gemeinsamkeiten und sogar Sachverhalte, für die sich linke und grüne Aktivist*innen und Politiker*innen gleichermaßen einsetzen und einen gemeinsamen Kampf kämpfen (sollten).

Global betrachtet ist der Zusammenhang kaum zu übersehen. Die wohlhabenden Staaten des globalen Nordens produzieren die meisten klimaschädlichen Emissionen. Der globale Süden, tendenziell eher arm und allein deshalb schon gar nicht in der Lage, so viel zu konsumieren wie der Norden und dadurch Emissionen zu produzieren, spürt dann die Folgen in Form von Stürmen, Dürren und Krankheitsausbrüchen. Ein Beispiel ist der drastische Anstieg von Dengue-Fieber-Infektionen in Sri Lanka und Bangladesch (SOS-Kinderdörfer, 05.09.19). Das macht uns im globalen Norden zu Verantwortlichen und verbindet das Klimaproblem mit der Tatsache, dass die sozial Allerschwächsten die von uns verursachten Folgen tragen müssen. 

Der Klimawandel betrifft alle Menschen! Foto: Pixabay

Darüber hinaus betrifft der Klimawandel nicht nur Entwicklungsländer, auch wenn diese am stärksten getroffen werden, sondern schränkt hier und heute, sowie in naher Zukunft, unsere allgemeinen Grundrechte ein. Der Klimawandel wird schon bald drastische Auswirkungen auf unser aller Recht auf Leben und Freiheit, auf Wohnen, auf angemessene Ernährung und auf Selbstbestimmung haben.

Allein durch die direkten Folgen des Klimawandels rechnet Amnesty International (13.09.19) mit 250.000 zusätzlichen Toten zwischen 2030 und 2050. Unser aller Freiheit, saubere Luft zu atmen, sauberes Wasser zu trinken oder sich der unbeschädigten Natur zu erfreuen, ist jetzt schon drastisch beschnitten und wird in Zukunft noch weitere Einschränkungen erfahren müssen. Würden auch in Deutschland die international anerkannten Richtlinien für Feinstaub in der Luft gelten, welche die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, lägen fast alle großen Städte in Deutschland, aber auch kleinere deutsche Städte weit über den Grenzwerten. Mir persönlich geht es so: jedem*r SUV- Fahrer*in, an dem*r ich auf meinem Fahrrad vorbeifahre, möchte ich klarmachen, dass er*sie mir meine Freiheit zu atmen nimmt. 

Klimaproteste in Hannover. Foto: Lea Simunovic

Des weiteren wird unser Recht auf Wohnen eingeschränkt: Aufgrund des zu erwartenden Anstiegs des Meeresspiegels könnte es passieren, dass die deutschen Küstenbereiche untergehen. Auch meine Heimatstadt Hannover könnte im Falle eines Abschmelzens aller Gletscher und Polarkappen betroffen sein (Welt, 27.08.13). Dadurch schwinden die bewohnbaren Regionen der Erde.

Naheliegend ist auch, dass mit zunehmenden Dürreperioden die Ernten ausfallen und die Lebensmittel knapper werden, sodass das Recht auf angemessene Ernährung eingeschränkt wird. Nicht nur bei Lebensmitteln, auch bei anderen knappen Ressourcen besteht die Gefahr, dass sozial schwache oder arme Menschen sich bald nicht mehr das Nötigste leisten können. Bereits letztes Jahr fiel es den Erzeuger*innen schwer, den Bedarf an Weizen zu decken, da es große Ernteausfälle gab (ZEIT, 07.04.19). 

Selbstbestimmung, und auch die Selbstbestimmung der Frau* wird in Europa und Deutschland großgeschrieben. Durch den Klimawandel gibt es unter jungen Frauen* erstmals die Überlegung, wegen der Umweltverschmutzung keine Kinder zu bekommen. Erstens natürlich, weil man sein Kind nicht in eine zerstörte Welt bringen möchte und zweitens, weil es gelebter, effektiver Klimaschutz ist, auf Kinder zu verzichten. Ich persönlich kann mich mit diesen Gedanken identifizieren, denn auch ich habe Zukunftsängste wegen des bevorstehenden Klimawandels. Auch ich möchte meinen Kindern nicht erklären müssen, wieso wir, die Menschheit, und Ihr, die Politik, so grandios versagt haben, damals, als es noch möglich war, den Wandel aufzuhalten. Es entbehrt auch jeder Logik, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören und würde es mir deshalb schwer machen, meinen Kindern eine glaubwürdige Erklärung zu liefern. 

An allererster Stelle ist die Klimafrage aber immer noch eine Gerechtigkeitsfrage. Denkt man an die Fridays-for-Future-Proteste, liegt einem das Wort Generationengerechtigkeit auf der Zunge: Tausende minderjährige, noch nicht wahlberechtigte Demonstrierende wollen nicht, dass ihre Zukunft von den Regierungen und Konzernen verzockt wird, in deren Vorständen, Kommissionen und Räten vorwiegend Menschen sitzen, die viele Jahrzehnte älter sind und die harten Folgen der Klimakatastrophe wohl nicht mehr erleben müssen. Die Untätigkeit der Regierenden ist eine massive Ungerechtigkeit gegenüber den Kindern und Jugendlichen, welche unter Zukunftsängsten leiden und jetzt schon über ein Jahr auf die Straße gehen und streiken. Aber nicht nur zwischen Jung und Alt gibt es Ungerechtigkeit aufgrund des Klimwandels, auch zwischen Arm und Reich. In einer Pressemitteilung des Umweltbundesamtes (04.08.2016) heißt es, dass Menschen mit höherem Einkommen umweltschädlicher leben und mehr Ressourcen verbrauchen, unabhängig davon, wie umweltfreundlich sie ihren Lebensstil selbst einschätzen. Bio-Lebensmittel konsumieren und Mülltrennung betreiben mache nicht den Kauf eines schweren Autos oder die Flugreise in den Urlaub wieder gut, sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Das heißt, hier herrscht ein ähnliches Gefälle wie zwischen dem globalen Süden und Norden: Der Lebensstil der deutschen Besserverdiener*innen ist sehr viel umweltschädlicher als der in den sozial schwächeren Milieus. Das perfide daran ist, dass dies ja nicht bedeutet, dass die Luft, die die Besserverdiener*innen einatmen deshalb schmutziger ist als die der Geringverdiener*innen oder dass automatisch das Wasser am Strand, an dem der*die Vielflieger*in baden geht, dreckiger ist als das Wasser am Strand, an dem der*die Fahrradfahrer*in baden geht. In der Klimadebatte geht es um Inhalte, die jede*n betreffen, unabhängig vom Gehalt, Bildungsgrad, Migrationshintergrund oder ähnlichem. Deshalb ist es so wichtig, dass beim Klimaschutz niemand zurückgelassen wird. Die Oberschicht scheint noch an eine moderne Arche Noah zu glauben, in die sie sich, sollte das Worst-Case-Szenario eintreten, einkaufen kann. Sich von diesem Gedanken zu lösen und den Klimawandel als ein Problem zu sehen, das nur solidarisch angegangen werden kann – auf globaler und nationaler Ebene – das ist die große Aufgabe aller Menschen, die den Planeten Erde als einen lebenswerten Wohnort erhalten möchten.

Deshalb brauchen wir endlich harte, effektive Maßnahmen, die die Politik gnadenlos durchsetzt ohne Rücksicht auf die Lobbies zu nehmen. Denn wenn wir später auf einem zerstörten Planeten leben werden, wird keine*r von uns denken: „Gut, dass die Kohlekraftwerke doch später vom Netz gegangen sind, denn sonst hätten wir so viele Arbeitsplätze verloren. Gut, dass schwere Autos noch bis 2050 herumfahren durften, denn Geländewägen in der Stadt sehen einfach schick aus. Gut, dass der Flugverkehr weiterhin subventioniert wurde, anstatt Schnellzugstrecken auszubauen und Zugtickets billiger zu machen. Gut, dass ich dieses billige Rinderhack essen konnte und die nachhaltige Landwirtschaft nicht stärker staatlich subventioniert wurde. Gut, dass ich erst kurz vor meinem Lebensende vegan geworden bin, da ich in der Schule nie gelernt habe, wie umweltschädlich Fleisch- und Milchkonsum ist.“ 

Ich, Teil der jungen, protestierenden Generation, fordere: Raus aus der Kohle, und zwar bis 2030, autofreie Innenstädte, Wohnraum statt Parkraum, nachhaltige Landwirtschaft und billige Zugtickets. 

Bildquelle Beitragsbild: pixabay, zur Wiederverwendung freigegeben

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